Malteser üben Aufbau eines Betreuungsplatzes
Ein Erlebnisbericht
Die Malteser in Bonn stellen eine in das Landeskonzept "Betreuungsplatz 500"eingebundene Einsatzeinheit. Ziel ist es ca. 500 Betroffene zu betreuen. Wie alle Konzepte bedarf es der stetigen Übung von Abläufen und Schemata. Nach theoretischer Einweisung, wurde im Rahmen eines Dienstabends nun die praktische Umsetzung geprobt.
Das Szenario
18. Juni 2011
Heute Morgen sind zwei Busse mit rund 100 Flüchtlingen aus Libyen von einem Auffanglager in Süditalien zu einem Übergangslager in die Niederlande aufgebrochen. Ihre Route führt u.a. über Bonn, Aachen und Eindhoven.
20. Juni 2011 mittags
Es ist bereits erdrückend schwül. Cumuluswolken bauen sich rasch auf, quellen gewaltig auseinander und zeigen ihre bedrohlich schwarze Unterseite. Der Deutsche Wetterdienst hat eine Unwetterwarnung herausgegeben: Von Westen zieht eine Gewitterfront heran, die am frühen Abend den Köln-Bonner Raum erreichen wird. Sie wird Starkregen und schwere Sturmböen mit sich bringen.
Die Leitstellen der Stadt Bonn bei der Berufsfeuerwehr richtet sich auf umgestürzte Bäume und vollgelaufene Keller ein.
20. Juni 2011 ca. 18:30 Uhr
Die beiden Busse haben gerade das Autobahnkreuz Bonn-Beuel passiert, als der Gewittersturm mit großer Wucht losbricht. Nach wenigen Minuten wird der Sturzregen durch schweren Hagel abgelöst. Wie bei anderen Autos auch zerbersten bei beiden Bussen etliche Scheiben. Beim Abbremsen auf der spiegelglatten Autobahn rutscht ein Bus an die Leitplanke und schleift an ihr bis zum Stillstand entlang. Aus! Heute keine Chance mehr, zum Zwischenziel Aachen zu gelangen!
Die Übung
20. Juni 2011 ca. 19:05 Uhr
Die Bonner Malteser werden von der Feuerwehr-Leitstelle der Stadt Bonn alarmiert. Ihr Auftrag: Registrierung, Betreuung, Verpflegung und sanitätsdienstliche Hilfe für rund 100 Flüchtlinge aus Libyen so lange, bis die Leitstelle der Stadt Bonn Übernachtungsmöglichkeiten organisiert hat.
20. Juni 2011 ca. 19:08 Uhr
Der Einsatzleiter der Malteser, Robert Osten, lässt über automatischen Alarmruf Führer, Unterführer und Helfer der beiden Einsatzeinheiten in Bonn und Beuel alarmieren. Eigentlich eine günstige Zeit, denn viele werden nach der Arbeit wohl schon zu Hause sein oder aber schon auf dem Weg zum regelmäßigen montäglichen Treffen der Malteser. Glücklicher Zufall!
20. Juni 2011 19:15 Uhr
Nach Bewertung der Gesamtlage entscheidet Robert Osten, den Betreuungspunkt auf dem Gelände der Beueler Einsatzeinheit einzurichten. Die großen Freiflächen sind asphaltiert und haben durch den Gewittersturm nicht gelitten. Hier lässt sich ein großes Zelt aufbauen, am besten unmittelbar neben den Fahrzeughallen. Da müssen natürlich noch die Fahrzeuge raus. Außerdem gibt es hier Strom, Wasser und eine WC-Anlage. Da braucht man nicht noch extra mobile Toiletten zu organisieren. Lediglich die Bonner Einsatzeinheit der Malteser muss nach Beuel beordert werden.
20. Juni 2011 ca. 19:25 Uhr
Robert Osten stimmt diese Einzelheiten mit der Feuerwehr-Leitselle der Stadt Bonn ab. Die Stadtwerke Bonn werden so bald wie möglich mit zwei vom Hagel unversehrten Gelenkbussen die libyschen Flüchtlinge auf der Autobahn samt Gepäck aufnehmen und nach Beuel bringen. Das wird ein wenig dauern, aber so gegen 20:45 Uhr könnten die Flüchtlinge eintreffen.
Um die gleiche Zeit treffen die ersten Führer, Unterführer und Helfer ein. Zum Glück ist der Abschnittsleiter Logistik dabei mit zwei Helfern vom Verpflegungstrupp. "Warmes Essen für 100 Leute! Das sind wohl alles Moslems, oder? Da geht generell erst einmal nichts mit Schweinefleisch! Hühnersuppe?! Und wie viele Malteser-Helfer haben wir hier? Stärkemeldung! 52 Helfer. Also 152 mal Hühnersuppe mit Brötchen….und...sicherheitshalber 10 mal Gemüserisotto für Vegetarier. Und bis wann soll das fertig sein? Bis 21:00 Uhr ! ...das ist verdammt knapp! …und Getränke habt Ihr noch genug? Ok!"
20. Juni 2011 ca. 19:45 Uhr
Der Verpflegungstrupp hat den ersten in solchen Fällen üblichen Supermarkt erreicht. Dort kennen die das schon….Malteser mit Blaulicht auf dem Kundenparkplatz….
Robert Osten weist die Kräfte ein : "Die Registrierung erkundet in dem Bereich einen vernünftigen Platz, die Betreuungsgruppe …, der Sanitätstrupp…., der Reservetrupp bleibt erst einmal hier verfügbar…die Funkgeräte alle auf Kanal 7…"
20. Juni 2011 ab ca. 20:00 Uhr
Das muss jetzt alles sehr zügig gehen, denn in rund einer Stunde sollen die ersten Flüchtlinge eintreffen. Aufnahme und Registrierung werden nicht klappen, wenn es bereits um 21:00 Uhr eine warme Mahlzeit geben soll. Also um 30 Minuten nach hinten schieben! Der Abschnittsleiter Logistik ist erleichtert, denn das schafft er ganz bestimmt.
20. Juni 2011 ca. 20:30 Uhr
"Zugführer Betreuung von Registriertrupp, kommen." - "Hier Zugführer Betreuung, kommen." - "Können die Leute, die nachher kommen, denn Deutsch ?" - "Das glaube ich nicht. Arabisch wohl. Bisher keine Erkenntnisse" - "Ok, wir holen unsere internationalen Registrirungsbögen" - "Wir sollten dennoch einen Dolmetscher organisieren. Ich fordere an."
20. Juni 2011 20:40 Uhr
Bis auf das warme Essen ist eigentlich alles fertig und aufnahmebereit. Vielleicht hier und da noch der ein oder andere Handgriff. Wie gut, dass wir die Mahlzeit zeitlich nach hinten verschoben haben!
20.Juni 2011 20:45 Uhr
Warten. - Letzte Details, bevor der große Ansturm kommt.
"Und wieso kommt die warme Suppe schon jetzt ?" - "Das ist ja gar keine Hühnersuppe, sondern Kartoffelsuppe mit Würstchen." - "Das wird Ärger geben." - "Und außerdem ist das viel zu wenig für 150 Leute." - - -
Das ist der Moment, in dem der Zugführer Betreuung das Funkgerät von mir übernimmt: "Zugführer Betreuung an alle. Zugführer Betreuung an alle. Ü B U N G S E N D E ! Ich wiederhole: Übungsende. In 5 Minuten alle vor der Halle antreten."
20. Juni 2011 20:50 Uhr
Die Nachbesprechung dauert nicht lange. Das meiste hat ja auch ganz ordentlich geklappt. Beschilderung und Austrassierung hätte man hier und da noch optimieren können. Funkdisziplin muss eingehalten werden, auch wenn man es gelegentlich mal eilig hat. Die Aufstellung der Geräteanhänger ist durchaus so machbar, besser bewährt hat sich allerdings folgendes Schema…und wenn jetzt keine Fragen und Anregungen mehr sind: "Auf zum Suppe fassen!"
20. Juni 2011 21:05 Uhr
Tische und Bänke sind ohnedies aufgebaut. Die Gespräche gehen hin und her, Erlebnisse und Gedanken werden ausgetauscht.
Die Übung hat sich gelohnt und überdies Spaß gemacht. Etliche haben zum ersten Mal erlebt, wie ein (kleiner) Betreuungsplatz aufgebaut und organisiert wird. Ich gehöre dazu und habe viel gelernt.
Geschrieben von Konrad Koch



